Einblicke · Standpunkt

Wie alles begann: Der Zeitenwende folgt die Übungswende.

Am 27. Februar 2022, drei Tage nach dem russischen Angriff auf die Ukraine, sprach der Bundeskanzler von einer Zeitenwende. Das Wort hat seither Karriere gemacht: Sondervermögen, Aufrüstung, NATO-Ostflanke. Ich habe damals im Bevölkerungsschutz in Frankfurt Verantwortung getragen – und mich gefragt, was dieses schwere Wort eigentlich für uns bedeutet. Für die, die im Ernstfall Betreuungsplätze aufbauen, Verletzte sichten und Stäbe besetzen.

Ein großes Wort mit blindem Fleck

Die Zeitenwende wird fast immer militärisch erzählt. Dabei ist die zivile Seite – Bevölkerungsschutz, Zivilschutz, der Schutz kritischer Infrastrukturen – der zweite Pfeiler der Gesamtverteidigung. Ohne ihn steht auch der erste nicht. An Strategien, Konzepten und Papieren mangelt es inzwischen nicht. Woran es mangelt, ist der Praxistest: Ein Plan, der nie geübt wurde, ist keine Fähigkeit. Er ist eine Vermutung.

Üben konnten wir schon einmal

Im Kalten Krieg war das anders. In Übungsserien wie WINTEX wurde die zivile Verteidigung regelmäßig und mit allen Konsequenzen durchgespielt – über Ebenen und Ressorts hinweg. Nach 1990 wurde diese Übungskultur weitgehend zurückgebaut. Heute gibt es mit der LÜKEX eine gute und wichtige strategische Übungsserie. Aber in der Fläche, dort wo Einheiten tatsächlich ausrücken, wird oft zu selten, zu klein und zu freundlich geübt. Eine Übung, deren Ergebnis vorher feststeht, prüft nichts – sie beruhigt nur.

Übungswende heißt Machen

Daraus ist mein Leitgedanke geworden: Der Zeitenwende muss eine Übungswende folgen. Sie besteht aus drei einfachen Grundsätzen. Ehrlich üben – Scheitern ist erlaubt und sogar erwünscht, denn nur dort liegt der Erkenntnisgewinn. Konsequent auswerten – mit Beobachtungspunkten, Kennzahlen und Rückmeldungen statt Bauchgefühl. Und wiederholen – weil eine einzelne Übung eine Momentaufnahme ist, erst die Serie zeigt Entwicklung. Eine Übung ist kein Schaufenster, sondern ein Experiment: Der Plan ist die Hypothese, die Übung der Test, die Auswertung das Ergebnis.

Zeitenwende heißt Machen. Erst die Übungswende bringt Schlagkraft auf die Straße.

Vom Unbehagen zum Format

Aus dem Gedanken wurde Praxis: 2024 startete in Frankfurt FRARescueFusion – zunächst als Hochwasserlage mit 70 Einsatzkräften über 24 Stunden. 2025 folgte die Blackoutübung mit 120 Kräften über 48 Stunden, ausgezeichnet mit dem Hessischen Katastrophenschutzpreis. 2026 schließlich das „Mainbeben“: 43 Einzellagen, 250 Einsatzkräfte, THW, SAR-Einheit und erstmals die Bundeswehr mit zwei NH90 im Rahmen der zivil-militärischen Zusammenarbeit. Entscheidend ist dabei nicht die Größe, sondern das Prinzip: Jede Übung wird systematisch ausgewertet, und jede nächste baut auf den Befunden der letzten auf.

Zwei NH90-Hubschrauber der Bundeswehr bei einer Katastrophenschutzübung: einer im Schwebeflug, einer am Boden mit Soldaten
FRARescueFusion26: zivil-militärische Zusammenarbeit mit zwei NH90 der Bundeswehr. Foto: Mark Thielemann

Und daraus wurde ÜbCon

Was als Unbehagen begann, ist heute ein System: ein Übungsformat, das über drei Zyklen gewachsen ist, eine Bachelorarbeit, die diese Serie als Fallstudie zur Modernisierung des Übungswesens auswertet – und seit 2026 ÜbCon, meine Beratung für das Übungswesen. Der Slogan ist dabei Programm geblieben: Der Zeitenwende folgt die Übungswende. Nicht als Parole, sondern als Arbeitsauftrag.

Du planst eine Übung oder willst das Übungswesen deiner Organisation neu aufstellen? Im kostenlosen Erstgespräch klären wir, was zu deiner Lage passt.

← Alle Einblicke