Wissen
Bevölkerungsschutz, Übungswesen und die Übungswende
Das Nachschlagewerk zu meiner Arbeit: vom gesellschaftlichen Rahmen der Zeitenwende über Übungsformate und Stabsarbeit bis zum Frankfurter Übungsformat FRARescueFusion. Zusammengestellt von Jan Krebs, Gründer von ÜbCon – Beratung für das Übungswesen.
Bevölkerungsschutz: Katastrophenschutz und Zivilschutz
Bevölkerungsschutz ist der Sammelbegriff für alle zivilen Maßnahmen, die Menschen, ihre Lebensgrundlagen und kritische Infrastrukturen vor Katastrophen, Krisen und den Folgen bewaffneter Konflikte schützen. Er verbindet zwei Säulen: den Katastrophenschutz in Verantwortung der Länder – etwa bei Hochwasser, Unwetter oder Großschadenslagen – und den Zivilschutz des Bundes für den Spannungs- und Verteidigungsfall. Getragen wird das System wesentlich von ehrenamtlichen Einsatzkräften der Hilfsorganisationen, der Feuerwehren und des THW.
Ich bin seit 2011 ehrenamtlich im Bevölkerungsschutz aktiv, heute als Leiter Einsatzdienste beim Malteser Hilfsdienst e.V. in Frankfurt am Main – mit Einsätzen von der Flut 2013 über die Ahrflut 2021 bis zur EURO 2024. Mehr zu meinem Engagement.
Kritische Infrastrukturen (KRITIS): Warum sie anders geübt werden müssen
Kritische Infrastrukturen (KRITIS) sind Organisationen und Einrichtungen, deren Ausfall oder Beeinträchtigung nachhaltig wirkende Versorgungsengpässe, erhebliche Störungen der öffentlichen Sicherheit oder andere dramatische Folgen nach sich ziehen würde. Das seit März 2026 geltende KRITIS-Dachgesetz fasst dafür zehn Sektoren zusammen: Energie, Wasser, Gesundheitswesen, Ernährung, Informationstechnik und Telekommunikation, Finanzen, Verkehr, Weltraum, kommunale Dienste sowie Sozialleistungen und Grundsicherung. Seither ist die Pflicht zu Resilienzmaßnahmen kein diffuser Trend mehr, sondern konkret geregelt: Betreiber müssen einen Resilienzplan vorlegen, und § 13 KRITISDachG nennt Übungen darin ausdrücklich als Pflichtbestandteil – in der Praxis wird das trotzdem oft auf reine IT-Notfallübungen verengt.
Der Unterschied zu klassischen Bevölkerungsschutz-Übungen: KRITIS-Übungen müssen Kaskadeneffekte mitdenken – ein Stromausfall trifft nicht nur den Energieversorger, sondern gleichzeitig Wasserwerke, Krankenhäuser und Kommunikationsnetze. Übungen, die nur die eigene Organisation betrachten, prüfen deshalb nur einen Teil des eigentlichen Risikos. Genau diese Schnittstellen zwischen Systemen und Organisationen sichtbar zu machen, ist ein Schwerpunkt von ÜbCon für KRITIS-Betreiber und Kommunen.
Zeitenwende: Zivile Verteidigung auf der Agenda
Mit der Zeitenwende seit Februar 2022 ist die zivile Verteidigung zurück auf der politischen Agenda: Deutschland muss sich wieder auf großflächige Schadenslagen, langanhaltende Stromausfälle und den Spannungs- und Verteidigungsfall vorbereiten. Für Behörden, Betreiber kritischer Infrastrukturen, Hilfsorganisationen und Unternehmen bedeutet das mehr als neue Fahrzeuge und Material: Pläne, die nie beübt wurden, sind im Ernstfall wenig wert. Die entscheidende Frage der Zeitenwende im Bevölkerungsschutz lautet deshalb: Wie realistisch üben wir? Warum diese Frage keine akademische ist, zeigt der Einblick Nicht im Krieg. Nicht im Frieden.
Übungswende: Der Leitgedanke von ÜbCon
Der Zeitenwende folgt die Übungswende – so lautet der Leitgedanke von ÜbCon. Wer für den Ernstfall gerüstet sein will, muss das Übungswesen modernisieren: weg von Schaufensterübungen mit vorhersehbarem Drehbuch, hin zu ehrlichen, ausgewerteten und wiederholten Übungsserien, aus denen Organisationen messbar lernen. Eine Übung ist kein Pressetermin, sondern ein Prüfstand. ÜbCon berät bei Konzeption, Durchführung und Auswertung von Übungen im Bevölkerungsschutz – von der ersten Zieldefinition bis zum Auswertungsbericht. Wie aus diesem Gedanken ÜbCon wurde, erzählt der Einblick Wie alles begann: Der Zeitenwende folgt die Übungswende.
Übungsformate im Überblick
Übung ist nicht gleich Übung. Die Formate unterscheiden sich in Aufwand, Zielgruppe und Erkenntnisgewinn – und sollten aufeinander aufbauen:
Standortübung: Der gängigste Übungstyp – direkt von der Einheitsführung vor Ort organisiert, etwa vom Wehrführer oder Bereitschaftsleiter. Trainiert wird das Zusammenspiel der eigenen Gruppe oder des eigenen Löschzugs, von Fahrzeugkunde bis zu kleinen Übungen im eigenen Zuständigkeitsbereich.
Alarmierungsübung: Prüft unangekündigt, wie schnell Einsatzkräfte über Meldeempfänger, Sirenen, Apps oder Telefonketten erreicht werden und wie viel Personal in welcher Zeit einsatzbereit wäre – ohne dass ein reales Schadensszenario bekämpft wird.
Planübung (Tabletop): Führungskräfte erarbeiten am grünen Tisch – mit Lagekarten oder am Whiteboard – für ein fiktives Szenario wie Hochwasser oder einen Chemieunfall gemeinsam Lösungen und Einsatzstrategien. Geübt werden einsatztaktisches Denken und Entscheidungsfindung.
Stabsübung: Ein Krisen- oder Führungsstab arbeitet ein Szenario unter realitätsnahen Bedingungen ab – die Lage wird eingespielt, der Stab übt Entscheidungsfindung, Lagebild und Kommunikation.
Stabsrahmenübung (SRÜ): Prüft zusätzlich die Zusammenarbeit zwischen mehreren Führungsstäben, etwa dem Krisenstab einer Stadt oder eines Landkreises. Die Leitungs- und Koordinierungsgruppe kommt real zusammen und arbeitet unter Zeitdruck, während die eigentlichen Einsatzkräfte nur simuliert werden – eine Einspielgruppe füttert den Stab per Funk, Telefon oder Mail kontinuierlich mit neuen Lagemeldungen.
Vollübung: Die aufwendigste Übungsform. Feuerwehr, THW, Rotes Kreuz, Malteser und weitere Einheiten rücken tatsächlich mit Blaulicht und schwerem Gerät aus, Szenarien wie Zugunglücke, Massenkarambolagen oder Deichbrüche werden realitätsnah nachgestellt – oft mit geschminkten Statisten, die Verletzte mimen. Trainiert werden die konkrete Rettung, die medizinische Versorgung an Behandlungsplätzen und die Logistik.
Stabsübung planen: Worauf es ankommt
Eine gute Stabsübung beginnt nicht beim Szenario, sondern bei den Übungszielen: Was soll der Stab hinterher besser können? Daraus folgen Drehbuch, Einspieler und Bewertungskriterien. Typische Stellschrauben sind die Taktung der Lageeinspielungen, realistische Kommunikationswege statt Zuruf über den Tisch und eine Übungsleitung, die konsequent beim Drehbuch bleibt, aber auf die Lageentwicklung im Stab reagieren kann. Und: Ohne strukturierte Auswertung – unmittelbares Debriefing plus schriftlicher Bericht – verpufft der Lerneffekt. ÜbCon unterstützt bei allen Phasen, von der Zieldefinition über das Drehbuch bis zur Auswertung. Welche Fehler dabei am häufigsten passieren, beschreibt der Einblick Warum Übungen scheitern.
MANV-Übung: Massenanfall von Verletzten
Ein Massenanfall von Verletzten (MANV) liegt vor, wenn die Zahl der Betroffenen die regulären Ressourcen des Rettungsdienstes übersteigt – etwa bei Busunglücken, Großveranstaltungen oder Anschlagslagen. MANV-Übungen prüfen das Zusammenspiel von Rettungsdienst, Sanitätsdienst, Feuerwehr, Polizei und Kliniken: Sichtung, Verletztenablage, Behandlungsplatz, Transportorganisation und Führungsstrukturen. Realistische Verletztendarstellung und ehrliche Zeitmessung machen den Unterschied zwischen einer Vorführung und einer Übung, aus der man lernt.
Blackout als Übungsszenario
Der langanhaltende, großflächige Stromausfall gilt als eines der anspruchsvollsten Szenarien des Bevölkerungsschutzes: Kommunikation, Treibstoffversorgung, Wasserversorgung und Kühlketten fallen schrittweise aus, und die Lage betrifft die helfenden Organisationen selbst. Genau deshalb eignet sich das Blackout-Szenario hervorragend für Übungen – es zwingt Stäbe und Einsatzkräfte, Abhängigkeiten zu erkennen und Notfallplänen auf den Zahn zu fühlen. Mit der Blackoutübung FRARescueFusion25 habe ich dieses Szenario in Frankfurt am Main als Übungsleitung umgesetzt.
Übungsauswertung: Aus Übungen wirklich lernen
Die Auswertung ist der eigentliche Zweck jeder Übung – und wird am häufigsten vernachlässigt. Zu einer belastbaren Übungsauswertung gehören definierte Beobachtungspunkte und geschulte Beobachter, standardisierte Befragungen der Teilnehmenden, Kennzahlen (etwa Durchlauf- und Meldezeiten) und die systematische Auswertung von Freitextrückmeldungen zu Führung, Kommunikation, Logistik und Zusammenarbeit. Erst der Vergleich über mehrere Übungszyklen zeigt, ob eine Organisation tatsächlich besser wird. Dieses evaluationsgestützte Vorgehen ist der Kern der Arbeitsweise von ÜbCon. Warum Auswertungen in der Praxis trotzdem oft folgenlos bleiben, analysiert der Einblick Warum Übungsauswertungen meist folgenlos bleiben.
Beobachterkonzept: Wie aus einer Übung belastbare Daten werden
Ein Beobachterkonzept legt vor der Übung fest, wer was wie bewertet: definierte Beobachtungspunkte je Funktion oder Abschnitt, geschulte Beobachter mit einheitlichen Bewertungsbögen und eine klare Abgrenzung zwischen reiner Beobachtung und Eingriff in die Übung. Ohne dieses Konzept bleibt die Auswertung Zufallsprodukt – abhängig davon, wer sich zufällig etwas gemerkt hat.
Entscheidend ist die Trennung von Beobachtung und Bewertung: Beobachter dokumentieren zunächst nur, was tatsächlich passiert ist – Zeiten, Entscheidungen, Kommunikationswege –, die Bewertung anhand vorab definierter Kriterien erfolgt erst im Nachgang. So lassen sich Beobachtungen über mehrere Übungen hinweg vergleichen, die Grundlage für die unter Übungsauswertung beschriebene Serienbetrachtung.
LÜKEX und WINTEX: Übungsserien mit Geschichte
Strategische Übungsserien haben in Deutschland Tradition. Während des Kalten Krieges probte die Bundesrepublik im Rahmen der NATO-Übungsserie WINTEX regelmäßig die zivile Verteidigung – ein heute fast vergessenes Kapitel, das angesichts der Zeitenwende neue Relevanz bekommt. Seit 2004 setzt die LÜKEX (Länder- und Ressortübergreifende Krisenmanagementübung) Maßstäbe: Bund und Länder üben gemeinsam strategisches Krisenmanagement auf Ebene der Krisenstäbe, koordiniert vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK). Die Lehre aus beiden Serien: Regelmäßigkeit und ehrliche Auswertung schlagen jede einmalige Großübung.
Zivil-militärische Zusammenarbeit (ZMZ): Wenn Bundeswehr und Bevölkerungsschutz zusammenarbeiten
Zivil-militärische Zusammenarbeit (ZMZ) ist keine Einbahnstraße. Die bekanntere Richtung ist die Amtshilfe der Bundeswehr für zivile Behörden und Organisationen, etwa bei Großschadenslagen oder Pandemien. Ebenso wichtig – gerade im Hinblick auf die gesamtstaatliche Verteidigung – ist die umgekehrte Richtung: die Unterstützung der Bundeswehr durch zivile Stellen, etwa als Host Nation Support beim Auf- und Durchmarsch verbündeter Streitkräfte, bei Betriebsstoffen, Verkehrsinfrastruktur oder der Mitversorgung Verwundeter in zivilen Krankenhäusern. Seit der Zeitenwende gewinnt ZMZ in beide Richtungen an Bedeutung: Der Bevölkerungsschutz gilt als zweiter Pfeiler der Gesamtverteidigung neben der militärischen Landes- und Bündnisverteidigung, und beide Seiten müssen im Ernstfall reibungslos zusammenarbeiten können.
Geübt wird das selten, obwohl gerade die Schnittstellen – Melde- und Führungswege, gemeinsames Lagebild, Zuständigkeiten – im Ernstfall am meisten Reibung verursachen. FRARescueFusion26 hat diese Zusammenarbeit erstmals mit zwei NH90-Hubschraubern der Bundeswehr geübt – ein Beispiel dafür, wie ZMZ praktisch trainiert statt nur auf dem Papier geplant werden kann.
FRARescueFusion: Das Frankfurter Übungsformat
FRARescueFusion ist ein in Frankfurt am Main eingesetztes Übungsformat der Malteser, das ich als Übungsleitung verantworte – zuletzt als ZMZ-Übung in einem Trümmerszenario nach einem Erdbeben, FRARescueFusion26. Das Format wird als mehrjährige Serie gefahren und über die Zyklen 2024 bis 2026 und folgende systematisch ausgewertet: mit standardisierten Befragungen, quantitativen Kennzahlen und codierten Rückmeldungen zu Führung, Kommunikation, Logistik und organisationsübergreifender Zusammenarbeit. So wird aus einer einzelnen Übung ein lernendes System – und genau dieses Prinzip überträgt ÜbCon auf andere Organisationen.
Häufige Fragen
Was ist der Unterschied zwischen Alarmübung und Stabsübung?
Eine Alarmübung prüft unangekündigt Erreichbarkeit, Alarmierungswege und Ausrückzeiten – ob und wie schnell die richtigen Leute reagieren. Eine Stabsübung dagegen prüft die inhaltliche Arbeit eines Führungsstabs: Entscheidungsfindung, Lagebild und Kommunikation über ein eingespieltes Szenario hinweg. Beide sind eigenständige Formate im Übungswesen, keine Vorstufen voneinander.
Was sind kritische Infrastrukturen (KRITIS)?
Organisationen und Einrichtungen, deren Ausfall erhebliche Versorgungsengpässe oder Störungen der öffentlichen Sicherheit nach sich ziehen würde – etwa Energie- und Wasserversorgung, Gesundheitswesen oder Informationstechnik. KRITIS-Übungen unterscheiden sich von klassischen Bevölkerungsschutz-Übungen dadurch, dass sie Kaskadeneffekte über mehrere Organisationen hinweg mitdenken müssen.
Was ist der Unterschied zwischen LÜKEX und WINTEX?
WINTEX war die NATO-Übungsserie des Kalten Krieges, in der die Bundesrepublik die zivile Verteidigung probte – heute weitgehend vergessen. LÜKEX ist ihr modernes Pendant seit 2004: eine länder- und ressortübergreifende Krisenmanagementübung, koordiniert vom BBK, bei der Bund und Länder gemeinsam strategisches Krisenmanagement auf Stabsebene üben.
Was gehört in ein Beobachterkonzept?
Definierte Beobachtungspunkte je Funktion oder Abschnitt, geschulte Beobachter mit einheitlichen Bewertungsbögen und eine klare Trennung zwischen reiner Beobachtung während der Übung und der Bewertung danach. Ohne dieses Konzept bleibt die Auswertung einer Übung Zufallsprodukt.
Übung geplant?
Ob Stabsübung, MANV-Lage, Blackout-Szenario oder Übungsserie mit Auswertungskonzept: Schreib mir – oder lies zuerst, wie ÜbCon arbeitet.