Für meine Bachelorarbeit zum Übungswesen im Bevölkerungsschutz sichte ich seit Monaten Übungsberichte aus allen sechzehn Bundesländern: von Feuerwehren, Hilfsorganisationen, Verwaltungen, aus Landtagsdrucksachen. Dabei wiederholen sich Muster mit erstaunlicher Zuverlässigkeit. Übungen scheitern selten am Übungstag – sie scheitern in der Anlage. Fünf Muster tauchen immer wieder auf.
1. Das Ergebnis steht vorher fest
Die häufigste Fehlform ist die Schaufensterübung: Tribüne, Presse, Ehrengäste – und ein Ablauf, der so lange choreografiert wurde, bis nichts mehr schiefgehen kann. Das Problem ist nicht der Besuch, sondern die Logik dahinter. Wenn eine Übung als Erfolgsnachweis angelegt ist, darf sie nichts aufdecken. Sie prüft dann keine Fähigkeit, sondern bestätigt eine Erwartung. Als Instrument der Öffentlichkeitsarbeit mag das funktionieren – als Instrument der Gefahrenabwehr ist es wertlos.
2. Geübt wird das Gerät, nicht die Führung
Technik lässt sich fotografieren, Führung nicht. Vielleicht wird deshalb so oft das Ausleuchten, Pumpen und Retten geübt – und so selten das Führen: Lagebild, Entscheidungsfindung, Kommunikation zwischen Stäben und Einheiten. In den Auswertungen, die ich für die Arbeit gesichtet habe, ist genau das die häufigste Defizitkategorie. Was passiert, wenn Führungsstrukturen im Ernstfall zum ersten Mal zusammenarbeiten, hat die Flutkatastrophe im Ahrtal gezeigt: Das Sachverständigengutachten für die Staatsanwaltschaft attestierte dem Führungssystem, es sei „strukturell und funktionell unterkomplex“ gewesen – ohne Stabsdienstordnung, ohne systematisches Berichtswesen. Ein Stab, der nie gemeinsam geübt hat, ist im Einsatz kein Stab. Er ist eine Ansammlung von Menschen in einem Raum.
3. Logistik bleibt Kulisse
Viele Übungen enden nach drei, vier Stunden – exakt vor dem Punkt, an dem es unbequem wird. Verpflegung, Ablösung, Betriebsstoffe, Stromversorgung, Materialerhalt: All das wird erst sichtbar, wenn eine Lage dauert. Reale Einsätze im Bevölkerungsschutz dauern aber selten einen Nachmittag – sie dauern Tage. Wer die Durchhaltefähigkeit nie beübt, hat sie auch nicht. Er hat nur eine Vermutung, dass es schon irgendwie gehen wird.
4. Szenarien von gestern
Der Massenanfall von Verletzten nach dem Busunglück ist vielerorts solide geübt. Der langanhaltende Stromausfall, die hybride Lage, die Krise, die Wochen dauert und die helfenden Organisationen selbst trifft – kaum. Dabei fehlt es nicht am Wissen: Die Risikoanalysen liegen seit Jahren vor. Schon 2012 hat die Bundesregierung dem Bundestag eine Risikoanalyse zu einer Pandemie durch ein SARS-ähnliches Virus vorgelegt. Acht Jahre später traf die Lage ein Land, das sie analysiert, aber nie ernsthaft durchgespielt hatte. Wissen ohne Übung bleibt Papier – das ist die teuerste Lektion der letzten Jahre.
5. Nach der Übung ist Schluss
Das fünfte Muster ist das leiseste: Die Übung endet mit Gruppenfoto und Bratwurst, nicht mit einem Befund. Keine Beobachtungspunkte, keine Kennzahlen, keine codierten Rückmeldungen – und keine Folgeübung, die an den Schwachstellen ansetzt. Auf der strategischen Ebene macht die LÜKEX-Serie von Bund und Ländern vor, wie systematische Vorbereitung und Auswertung aussehen können. In der Fläche dagegen bleibt die einzelne Übung oft ein isoliertes Ereignis. Ohne Auswertung gibt es keine Lernkurve, und ohne Wiederholung keinen Nachweis, dass irgendetwas besser geworden ist.
Eine Übung, in der nichts schiefgeht, war zu leicht. Scheitern im Schutzraum der Übung ist kein Betriebsunfall – es ist ihr Zweck.
Was dagegen hilft
Keines dieser Muster ist Schicksal. Ehrliche Übungsziele, die Schwachstellen suchen statt Erfolge belegen. Führung und Kommunikation als eigenständiger Übungsgegenstand, nicht als Beiwerk. Übungsdauern, die Logistik und Durchhaltefähigkeit tatsächlich fordern. Szenarien, die aus den vorliegenden Risikoanalysen abgeleitet sind statt aus der Gewohnheit. Und eine Auswertung, die Befunde produziert, aus denen die nächste Übung gebaut wird. Nichts davon ist teuer – es ist vor allem eine Frage der Haltung: Übungen sind keine Bühne, sondern ein Prüfstand.
Du willst wissen, wo deine Organisation steht? Im kostenlosen Erstgespräch schauen wir gemeinsam auf dein Übungswesen – ehrlich, nicht choreografiert.
Quellen
- beck-aktuell: „Gutachten zur Ahrtal-Flut: Katastrophenschutz im Kreis Ahrweiler war defizitär“ (27.11.2023)
- tagesschau.de: „Ausschuss zur Ahrtal-Flut: Zwei Rücktritte – und viele offene Fragen“
- Deutscher Bundestag: Bericht zur Risikoanalyse im Bevölkerungsschutz 2012, Drucksache 17/12051 (03.01.2013)
- BBK: LÜKEX – Länder- und Ressortübergreifende Krisenmanagementübung