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Bevölkerungsschutz, Übungswesen und die Übungswende
Das Nachschlagewerk zu meiner Arbeit: vom gesellschaftlichen Rahmen der Zeitenwende über Übungsformate und Stabsarbeit bis zum Frankfurter Übungsformat FRARescueFusion. Zusammengestellt von Jan Krebs, Gründer von ÜbCon – Beratung für das Übungswesen.
Inhalt: Bevölkerungsschutz · Zeitenwende · Übungswende · Übungsformate · Stabsübung planen · MANV-Übung · Blackout-Szenario · Übungsauswertung · LÜKEX und WINTEX · FRARescueFusion · Häufige Fragen
Bevölkerungsschutz: Katastrophenschutz und Zivilschutz
Bevölkerungsschutz ist der Sammelbegriff für alle zivilen Maßnahmen, die Menschen, ihre Lebensgrundlagen und kritische Infrastrukturen vor Katastrophen, Krisen und den Folgen bewaffneter Konflikte schützen. Er verbindet zwei Säulen: den Katastrophenschutz in Verantwortung der Länder – etwa bei Hochwasser, Unwetter oder Großschadenslagen – und den Zivilschutz des Bundes für den Spannungs- und Verteidigungsfall. Getragen wird das System wesentlich von ehrenamtlichen Einsatzkräften der Hilfsorganisationen, der Feuerwehren und des THW.
Ich bin seit 2011 ehrenamtlich im Bevölkerungsschutz aktiv, heute als Leiter Einsatzdienste beim Malteser Hilfsdienst e.V. in Frankfurt am Main – mit Einsätzen von der Flut 2013 über die Ahrflut 2021 bis zur EURO 2024. Mehr zu meinem Engagement.
Zeitenwende: Zivile Verteidigung auf der Agenda
Mit der Zeitenwende seit Februar 2022 ist die zivile Verteidigung zurück auf der politischen Agenda: Deutschland muss sich wieder auf großflächige Schadenslagen, langanhaltende Stromausfälle und den Spannungs- und Verteidigungsfall vorbereiten. Für Behörden, Betreiber kritischer Infrastrukturen und Hilfsorganisationen bedeutet das mehr als neue Fahrzeuge und Material: Pläne, die nie beübt wurden, sind im Ernstfall wenig wert. Die entscheidende Frage der Zeitenwende im Bevölkerungsschutz lautet deshalb: Wie realistisch üben wir?
Übungswende: Der Leitgedanke von ÜbCon
Der Zeitenwende folgt die Übungswende – so lautet der Leitgedanke von ÜbCon. Wer für den Ernstfall gerüstet sein will, muss das Übungswesen modernisieren: weg von Schaufensterübungen mit vorhersehbarem Drehbuch, hin zu ehrlichen, ausgewerteten und wiederholten Übungsserien, aus denen Organisationen messbar lernen. Eine Übung ist kein Pressetermin, sondern ein Prüfstand. ÜbCon berät bei Konzeption, Durchführung und Auswertung von Übungen im Bevölkerungsschutz – von der ersten Zieldefinition bis zum Auswertungsbericht.
Übungsformate im Überblick
Übung ist nicht gleich Übung. Die Formate unterscheiden sich in Aufwand, Zielgruppe und Erkenntnisgewinn – und sollten aufeinander aufbauen:
Planbesprechung (Tabletop): Führungskräfte gehen ein Szenario am Tisch durch. Geringer Aufwand, ideal um Pläne, Zuständigkeiten und Schnittstellen erstmals zu prüfen.
Stabsübung: Ein Krisen- oder Führungsstab arbeitet ein Szenario unter realitätsnahen Bedingungen ab – die Lage wird eingespielt, der Stab übt Entscheidungsfindung, Lagebild und Kommunikation.
Stabsrahmenübung: Wie die Stabsübung, aber mit realen Gegenstellen (etwa Leitstellen oder benachbarten Stäben), die den Rahmen mitspielen.
Alarmübung: Prüft unangekündigt Erreichbarkeit, Alarmierungswege und Ausrückzeiten.
Vollübung / Einsatzübung: Reale Kräfte, Fahrzeuge, Verletztendarstellung und beübte Führungsstrukturen – das anspruchsvollste Format mit dem höchsten Erkenntnisgewinn, wenn es sauber ausgewertet wird.
Stabsübung planen: Worauf es ankommt
Eine gute Stabsübung beginnt nicht beim Szenario, sondern bei den Übungszielen: Was soll der Stab hinterher besser können? Daraus folgen Drehbuch, Einspieler und Bewertungskriterien. Typische Stellschrauben sind die Taktung der Lageeinspielungen, realistische Kommunikationswege statt Zuruf über den Tisch und eine Übungsleitung, die konsequent beim Drehbuch bleibt, aber auf die Lageentwicklung im Stab reagieren kann. Und: Ohne strukturierte Auswertung – unmittelbares Debriefing plus schriftlicher Bericht – verpufft der Lerneffekt. ÜbCon unterstützt bei allen Phasen, von der Zieldefinition über das Drehbuch bis zur Auswertung.
MANV-Übung: Massenanfall von Verletzten
Ein Massenanfall von Verletzten (MANV) liegt vor, wenn die Zahl der Betroffenen die regulären Ressourcen des Rettungsdienstes übersteigt – etwa bei Busunglücken, Großveranstaltungen oder Anschlagslagen. MANV-Übungen prüfen das Zusammenspiel von Rettungsdienst, Sanitätsdienst, Feuerwehr, Polizei und Kliniken: Sichtung, Verletztenablage, Behandlungsplatz, Transportorganisation und Führungsstrukturen. Realistische Verletztendarstellung und ehrliche Zeitmessung machen den Unterschied zwischen einer Vorführung und einer Übung, aus der man lernt.
Blackout als Übungsszenario
Der langanhaltende, großflächige Stromausfall gilt als eines der anspruchsvollsten Szenarien des Bevölkerungsschutzes: Kommunikation, Treibstoffversorgung, Wasserversorgung und Kühlketten fallen schrittweise aus, und die Lage betrifft die helfenden Organisationen selbst. Genau deshalb eignet sich das Blackout-Szenario hervorragend für Übungen – es zwingt Stäbe und Einsatzkräfte, Abhängigkeiten zu erkennen und Notfallplänen auf den Zahn zu fühlen. Mit der Blackoutübung FRARescueFusion25 habe ich dieses Szenario in Frankfurt am Main als Übungsleitung umgesetzt.
Übungsauswertung: Aus Übungen wirklich lernen
Die Auswertung ist der eigentliche Zweck jeder Übung – und wird am häufigsten vernachlässigt. Zu einer belastbaren Übungsauswertung gehören definierte Beobachtungspunkte und geschulte Beobachter, standardisierte Befragungen der Teilnehmenden, Kennzahlen (etwa Durchlauf- und Meldezeiten) und die systematische Auswertung von Freitextrückmeldungen zu Führung, Kommunikation, Logistik und Zusammenarbeit. Erst der Vergleich über mehrere Übungszyklen zeigt, ob eine Organisation tatsächlich besser wird. Dieses evaluationsgestützte Vorgehen ist der Kern der Arbeitsweise von ÜbCon.
LÜKEX und WINTEX: Übungsserien mit Geschichte
Strategische Übungsserien haben in Deutschland Tradition. Während des Kalten Krieges probte die Bundesrepublik im Rahmen der NATO-Übungsserie WINTEX regelmäßig die zivile Verteidigung – ein heute fast vergessenes Kapitel, das angesichts der Zeitenwende neue Relevanz bekommt. Seit 2004 setzt die LÜKEX (Länder- und Ressortübergreifende Krisenmanagementübung) Maßstäbe: Bund und Länder üben gemeinsam strategisches Krisenmanagement auf Ebene der Krisenstäbe, koordiniert vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK). Die Lehre aus beiden Serien: Regelmäßigkeit und ehrliche Auswertung schlagen jede einmalige Großübung.
FRARescueFusion: Das Frankfurter Übungsformat
FRARescueFusion ist ein in Frankfurt am Main eingesetztes Übungsformat der Malteser, das ich als Übungsleitung verantworte – zuletzt als Blackoutübung FRARescueFusion25. Das Format wird als mehrjährige Serie gefahren und über die Zyklen 2024 bis 2026 systematisch ausgewertet: mit standardisierten Befragungen, quantitativen Kennzahlen und codierten Rückmeldungen zu Führung, Kommunikation, Logistik und organisationsübergreifender Zusammenarbeit. So wird aus einer einzelnen Übung ein lernendes System – und genau dieses Prinzip überträgt ÜbCon auf andere Organisationen.
Häufige Fragen
Wer braucht Übungen im Bevölkerungsschutz?
Katastrophenschutzbehörden, Kommunen, Hilfsorganisationen, Feuerwehren, Kliniken und Betreiber kritischer Infrastrukturen. Wer im Ernstfall mit anderen zusammenarbeiten muss, sollte diese Zusammenarbeit vorher geübt haben – Pläne allein genügen nicht.
Wie lange dauert die Vorbereitung einer Übung?
Eine Planbesprechung lässt sich in wenigen Wochen vorbereiten, eine Stabsübung braucht typischerweise zwei bis vier Monate, eine Vollübung mit Verletztendarstellung und mehreren Organisationen sechs Monate und mehr. Entscheidend ist weniger die Dauer als die saubere Zieldefinition am Anfang.
Was unterscheidet ÜbCon von klassischer Übungsplanung?
Drei Dinge: Übungen werden als Serie statt als Einzelereignis gedacht, jede Übung wird systematisch ausgewertet statt nur gefühlt bewertet, und die Ergebnisse fließen nachweisbar in den nächsten Zyklus ein. Mehr zur Arbeitsweise von ÜbCon.
Wie ehrlich darf eine Übung scheitern?
Eine Übung, in der nichts schiefgeht, war zu leicht – oder die Auswertung zu höflich. Scheitern in der Übung ist der günstigste Zeitpunkt zum Scheitern. Voraussetzung ist eine Übungskultur, in der Fehler als Erkenntnis gelten und nicht als Blamage.
Übung geplant?
Ob Stabsübung, MANV-Lage, Blackout-Szenario oder Übungsserie mit Auswertungskonzept: Schreiben Sie mir – oder lesen Sie zuerst, wie ÜbCon arbeitet.