Einblicke · Standpunkt

Nicht im Krieg. Nicht im Frieden.

„Wir sind nicht im Krieg, aber wir sind auch nicht mehr im kompletten Frieden.“ Das hat Pistorius vor knapp einem Jahr gesagt. Ich finde: Er hat nicht übertrieben. Er hat höflich formuliert. Was seitdem passiert ist, würde ich weniger diplomatisch beschreiben.

Symbolische Illustration einer hybriden Bedrohungslage über Deutschland: Drohnenschwärme, Netzstörungen und Warnmeldungen über Köln, Frankfurt, Hamburg, Berlin und München
Symbolische, KI-generierte Illustration einer hybriden Bedrohungslage – keine reale Systemdarstellung oder echte Vorfallsdaten.

Die Lage ist kein Analysegegenstand mehr

In Lettland schoss die NATO eine Drohne ab, die vermutlich aus Russland stammte und mit russischer elektronischer Kriegsführung in Verbindung stand. Im Baltikum wurde eine weitere Drohne von einem französischen Kampfjet im Rahmen der NATO-Luftraumüberwachung abgeschossen – Routineeinsatz, nur ist an dieser Grenze inzwischen nichts mehr Routine. In Rumänien schlug eine Drohne in ein Wohnhaus in Galați ein, nur wenige Kilometer von der ukrainischen Grenze entfernt. Zwei Verletzte – zum ersten Mal traf es in diesem Krieg direkt Zivilisten auf NATO-Territorium. Vor Bornholm ortete eine dänische Seedrohne bei einem Testlauf ein russisches Kriegsschiff aus wenigen hundert Metern Entfernung. Der dänische Militäranalyst Jens Wenzel Kristoffersen kommentierte das knapp: Der Vorfall gebe einen Einblick in die äußerst angespannte Lage im Ostseeraum.

Angespannt. Das ist noch das freundlichste Wort, das mir dafür einfällt.

Und dann Mechernich

In der Nacht auf den 7. August wurden über dem Bundeswehrstandort Mechernich zwei Drohnen gesichtet. Genau dort, wo unsere eigenen Patriot-Flugabwehrsysteme gewartet werden. Wer sie gesteuert hat, ist offen. Aber mir ist es inzwischen fast egal, welches Ermittlungsergebnis am Ende dabei rauskommt – denn das Muster ist längst bestätigt. Ein Drohnenschwarm über einer Bundeswehr-Weihnachtsfeier in Celle. Ein durchsuchtes Frachtschiff in Schleswig-Holstein. Eine Sprengstoffdrohne am Flughafen Leipzig/Halle, für die der Innenminister aus dem Urlaub anreiste. Über 100 Fälle bundesweit, in denen ein fremder Staat als Drahtzieher vermutet wird. Die Bedrohungslage: von „abstrakt“ auf „hoch“. Das ist keine Serie von Einzelfällen mehr. Das ist ein Belastungstest, den wir gerade laufend bestehen oder eben nicht bestehen – und wir merken es kaum.

Wir sind nicht mehr Zuschauer

Sagen wir es, wie es ist: Wir sind längst nicht mehr Zuschauer. Wir werden fortlaufend angegriffen – über unserem Luftraum, an unserer Infrastruktur, in unseren Netzen. Nur eben nicht mit Panzern, sondern mit Drohnen, Kabelschnitten und Desinformation. Wer das noch als abstrakte Bedrohung einordnet, hat die letzten Wochen nicht verfolgt.

Und wenn der Kampf längst läuft, dann reicht „üben, wie wir es immer schon gemacht haben“ nicht mehr. Es heißt jetzt: Train as you fight. Nicht als Zitat aus dem Handbuch, sondern als Maßstab, an dem sich jede einzelne Übung in diesem Land ab sofort messen lassen muss. Wer weiterhin drei Stunden übt, weil es dann Bratwurst gibt, wer weiterhin nur das Gerät ausleuchtet statt die Führung fordert, wer weiterhin Szenarien von gestern übt, obwohl die Lage von heute längst eine andere ist – der bereitet sich auf den falschen Ernstfall vor. Und im Ernstfall zahlt man den Unterschied zwischen Übung und Wirklichkeit nicht in Nachbesprechungen, sondern in Menschenleben.

2029 ist keine ferne Zahl

Generalinspekteur Carsten Breuer warnt seit Monaten, Russland könne ab 2029 in der Lage sein, die NATO ernsthaft anzugreifen – gestützt auf Analysen deutscher und internationaler Nachrichtendienste, nicht auf eine politische Behauptung. Auch Pistorius nennt dasselbe Jahr. Manche Militärhistoriker gehen sogar davon aus, wir hätten den letzten Sommer im Frieden bereits hinter uns. Das ist kein Weltuntergangsszenario aus einer Talkshow. Das ist die Arbeitsgrundlage der Bundeswehr-Führung.

Und genau hier liegt die Lücke, über die kaum jemand spricht: Während wir über Aufrüstung, Wehrpflicht und Verteidigungsetat diskutieren, üben wir Zivilschutz so gut wie gar nicht. Dabei entscheidet im Ernstfall nicht nur, ob die Bundeswehr kriegstüchtig ist – sondern ob die Zivilbevölkerung, die Kommunen, die Hilfsorganisationen einen Angriff auf kritische Infrastruktur, eine Krise über Wochen, einen Ausfall von Strom, Wasser, Kommunikation überstehen können, ohne dass alles zusammenbricht. Wenn 2029 tatsächlich der Kulminationspunkt ist, den Breuer beschreibt, dann bleiben uns keine drei Jahrzehnte, um Zivilschutz wieder aufzubauen. Uns bleiben noch gut drei Jahre. Und die verbringen wir aktuell größtenteils mit Konzeptpapieren statt mit Übungen.

Zeitenwende ≠ Übungswende

Zeitenwende ist beschlossen. NIS2, KRITIS-Dachgesetz, Meldepflichten, Registrierungen – auf dem Papier sind wir vorbereitet. Zeitenwende heißt bei uns: neuer Paragraf. Nicht: neue Übung.

Ich sage es so hart, wie ich es meine: Zeitenwende heißt Machen. Nicht Beschließen, nicht Konzipieren, nicht in der übernächsten Facharbeitsgruppe evaluieren, ob man vielleicht demnächst mal anfangen könnte. Erst die Übungswende bringt Schlagkraft auf die Straße. Alles andere ist Papier mit Briefkopf.

Und der häufigste Einwand, den ich in genau diesem Moment höre, ist der gefährlichste von allen: Wir hätten noch kein fertiges Konzept, wir müssten erst noch planen, evaluieren, abstimmen – dann könne man üben. Das ist rückwärts gedacht. Man muss nicht warten, bis ein Konzept fertig ist, um zu üben. Übung ist nicht das Ergebnis eines fertigen Konzepts – aus der Übung entsteht das Konzept. Konsequent und pragmatisch durchführen, statt nur beschließen. Wer erst auf die perfekte Blaupause wartet, übt nie. Wer übt, findet genau die Lücken, aus denen die Blaupause überhaupt erst entstehen kann.

Das ist kein vorsichtiges Abwarten mehr. Das ist Schlaf bei offener Tür.

Wir schlafen noch – während direkt vor unserer Haustür längst gekämpft wird, nur eben hybrid, nur eben (noch) nicht mit Bomben auf deutschem Boden. Wer das nicht sehen will, schaut gekonnt weg. Wer es sieht und trotzdem nicht handelt, verliert sich in Zuständigkeiten, während die Zeit läuft, die wir eigentlich nicht mehr haben.

Was jetzt zu tun ist

Ein Stromausfall über Tage. Eine kritische Infrastruktur, die gleichzeitig an mehreren Stellen gestört wird. Ein Stab, der ohne Vorwarnung koordinieren muss. Das sind keine hypothetischen Übungsszenarien mehr – das ist die Beschreibung dessen, was gerade in unserer Nachbarschaft passiert. Und mit Blick auf 2029 ist es die Beschreibung dessen, was uns möglicherweise selbst noch bevorsteht. Wer das nicht übt, ist im Ernstfall nicht vorbereitet, sondern überrascht. Und Überraschung ist im Bevölkerungsschutz kein Betriebsunfall, sondern ein Führungsversagen, das man hätte verhindern können.

Du willst wissen, ob dein Übungswesen auf ein Szenario wie Leipzig, Mechernich – oder 2029 – vorbereitet ist? Im kostenlosen Erstgespräch schauen wir gemeinsam ehrlich drauf.

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